Namche Bazar Trekking Gokyo Valley Nepal

Warum zum Mount Everest Wandern wenn man auch Fliegen kann?

Das ganze Thema ist für mich emotional geladen und beschäftigt mich seit über einem halben Jahr. Beschäftigt mich seit dem ich im April & Mai erneut im Himalayas unterwegs war, präziser im Gebiet um den Mount Everest. Es macht mich wütend. Wütend auf die ganzen Bergtouristen, wütend auf die profitgeilen Trekking Agenturen, wütend auf die nepalesische Regierung und nicht zuletzt wütend auf mich selbst, da ich Teil dieses elementaren Problems war. Aber fangen wir mal ganz sachlich an:

31 000. Das ist die Anzahl der Bergwanderer und Bergsteiger, die jährlich in den Sagamartha National Park kommen und diese Region erwandern. 31 000! Dazu kommen noch die ganzen Bergführer, Träger und unzählige Esel und Yaks, ohne die die Infrastruktur als bald zerbröseln würde. Tendenz steigend. Klar, ich könnte mich hier über das steigende Müllproblem, die Kommerzialisierung der Berge usw. auslassen, will ich aber nicht. In diesem Artikel soll es einzig und allein um die Heerschar an Flugzeugen und Helikoptern gehen, die den Himmel zum Beben bringen.

Mami ich will nach Hause…

Stell dir vor:

Du bist in Pangboche, schaust dir die alte Gompa an. Vor dir baut sich der eisbehangende Ama Dablam auf, die buddhistischen Gebetsfahnen wehen derweil im stetigen Wind, der kalte Luft aus dem Khumbu Gletscher mit sich trägt. Von den schmalen Trekkingpfaden dringt das monotone Glockenläuten der Yaks an deine Ohren. Du versuchst die Szenerie in dich aufzusaugen, das Einzigartige der Region zu genießen mit seinen gewaltigen Bergen, dem blauen Gebirgswasser, das stromschnellenartig ins Tal stürzt. Doch du kannst es nicht.

Gefühlt im 10-Minuten-Takt donnert ein Helikopter nach dem anderen durch die Talschneise Richtung Everest Basislager. Es nervt. Es nervt, weil die Helikopter voll sind mit gutbetuchten Leuten, die einen sogenannten Senic flight durchs Khumbu Tal machen. Leute, die zum Everest Basislager fliegen, schnell ein Foto machen, dann weiter zum Gokyo Valley, ein Foto machen und wieder abdüsen. Zu diesen „Heli-Hoppern“ gesellt sich noch die Gruppe derjenigen Trekker, die nach dem erreichten Ziel, dem Everest Basislager oder ähnlichem, keinen Bock mehr auf den beschwerlichen Abstieg haben oder schlichtweg beim ersten Schnupfen den Helikopter rufen. Heute, den tollen Rettungsversicherungen sei Dank, kein Problem mehr. Versteh mich nicht falsch, wer lebensbedrohlich krank ist oder sich schwer verletzt hat, hat alles Recht der Welt auf eine Rettung. Dem muss und soll geholfen werden. Aber wer unvorbereitet und untrainiert in die Berge geht, überraschenderweise dann Knieschmerzen bekommt oder mit seinen dünnen Turnschuhen umknickt, der hat es nicht anders verdient. Ich erinnere mich immer wieder an diese Vollidioten, die über den relativ leichten Everest Base Camp Trek bis nach Gorakshep aufgestiegen sind und im Morgengrauen zum Aussichtspunkt Kala Patthar (5.550m) kraxelten. Viele von ihnen mit dünnen Jäckchen, Sneakers und ohne Handschuhe. Einer von denen hat mich doch tatsächlich gefragt, wie lange es dauert bis die Finger erfrieren. „Er spüre seine Hände nicht mehr…“ und zeigt mir dabei seine blau-roten Pfoten. Vergessen die Leute heutzutage bei all ihren Fake Instagram „mein-Leben-ist-so-geil“ Accounts, dass sie im Hochgebirge sind? Egal, ich schweife ab. Aber all das führt dazu, dass das Helikopteraufkommen in dieser Region auf ein für mich unerträgliches Maß angestiegen ist.

War damals alles besser?!

Trekking Himalaja HunschrauberAls ich im Dezember 2016 den Three Passes Trek und das Everest Base Camp gelaufen bin, war das alles noch anders. Damals hatte ich nur eine Handvoll Helikopter in drei Wochen gesehen. Das war aber zur Nebensaison und das gesamte Basislager am Everest leer. Ich erinnere mich gerne an diese Zeit zurück. Ich war auf mich allein gestellt, über die hohen, vereisten Pässe wagte sich kaum jemand und die Natur begeisterte mich in jeder Sekunde der Reise. Es gab keine Ablenkung, keine lauten Wandergruppen, die sich wie Armeisenstraßen den Thokla Pass (4.830m) vor Lobuche hochkämpften, dabei wummernde Musikboxen mit sich schleppten. Und es gab keine Helikopter, dessen Lärm die Seele zerreißt.

Eingangs habe ich geschrieben, das ich auch auf mich wütend bin, weil ich Teil des Problems war. Es war mir damals einfach noch nicht bewusst gewesen. Es war mir nicht bewusst, als ich im Dezember 2016 mit dem Kleinflugzeug von Kathmandu nach Lukla (2.840m) flog und später von dort wieder zurück. Es war mir nicht bewusst, als ich im April 2018 aufgrund des anhaltend schlechten Wetters von Kathmandu mit dem Heli nach Lukla flog, um dort mein Trekking zu beginnen. Aber es wurde mir schlagartig bewusst, als ich selbst am Berg von diesem unnatürlichen Krach angewidert war; Als ich durch den heranrückenden Monsun gezwungen war dem klassischen Trek von Lukla Richtung Jiri zu folgen. Das was ich dort sah und erlebte, öffnete mir endgültig die Augen.

Lasst uns eine Straße bauen…

jeep jiri lukla anreise busIch verzichte an dieser Stelle darauf meinen Senf zum rasant voranrückenden Straßenbau abzugeben; vom Vorhaben eine Trasse quer durch die Berge und die Natur zu schlagen, bloß um noch mehr Touristen nach Lukla und somit in den Sagamartha National Park zu befördern. 31 000 waren es 2017, wie viele werden es dann sein? Hat das noch etwas von Natur, vom unberührten Bergwandern oder ist es konsequente, systematische Ausbeutung der einzigartigen Bergwelt. Ein Problem mit Tiefgang.

Aber wie versprochen, werde ich meinen Senf dazu nicht preisgeben. Sollen sich andere Bergwanderer an den jaulenden Jeepmotoren erfreuen, die zusammen mit ihnen von Jiri nach Lukla aufbrechen und die frische, unverbrauchte Luft in Abgase tauchen und gelbe Staubwolken durch die grünen Bergtäler treiben. Straßen als „Infrastrukturprojekte“ hin oder her, ich glaube nicht, das die einheimischen Sherpa der Region zwischen Jiri und Lukla davon profitieren wenn Jeepkolonnen die Serpentinen erklimmen, und falls doch, ist es zumindest für die Region als Wanderroute ein herber Rückschlag, die mächtig an Attraktivität verliert. Sie verkommt zum Sprungbrett zum Everest Basislager und ergänzt die unzuverlässige Flugroute von Kathmandu nach Lukla. Echt traurig. Die große Frage ist also, leiden die kleinen Lodges am ‚Classic‘ Everest Trail in Zukunft noch mehr, weil die Touristen ihre Teehäuser nur noch am Bus- bzw. Jeepfenster vorbeifliegen sehen oder hält auch mal einer an? Als ich im Mai abgestiegen bin, war die Straße bereits bis Taksindu fertig gestellt und die ersten „Taxis“ rollten bereits von Paphlu Flugfeld bergaufwärts. Anhalten habe ich niemanden gesehen… Naja, die Zeit wird’s zeigen. Planmäßig soll die Straße 2019 fertig gestellt werden und beim rasanten Tempo was die Nepalesen mit ihren Bulldozern an den Tag legen, glaub ich das sogar. Summa summarum kannst du heute schon von Kathmandu mit dem Taxi nach Taksindu fahren und ab nächster Saison bis Lukla 😉

Das kleine Dorf Ringmu

Aber wie versprochen, zu diesem Thema werde ich mich nicht äußern. Vielmehr wollte ich dir berichten, was mir die Augen geöffnet hat auf meinem fünftägigen Abstieg Richtung Jiri (Salleri). Und somit schlage ich wieder den Bogen zum Fluglärm, der die Seele zerreißt.

Wenn du denkst – wie ich vorher auch dachte – das das Flugaufkommen von Lukla Richtung Everest Base Camp und der damit verbundene Lärm, unerträglich wären, dann warst du noch nie in den Tälern um das Dörfchen Ringmu (2.720m). Im Mai verzauberten hier die rosa Blüten der Kirschbäume in den Gärten und ich kostete den besten Yakkäse der Region in einer kleinen „Käsefabrik“. Bei einem frisch aufgebrühten Schwarztee genoss ich den Sonnenschein umringt von grünen Bergflanken, die in der Ferne noch den Blick auf die majestätischen Schneeriesen erahnen ließen. Es hätte so schön sein können.

Stoisch versuchte ich das Gequietsche der Kettenraupen zu ignorieren und hatte mich schon fast an die kleinen blauen Traktoren gewöhnt, die den neuen Super-Highway nach Lukla präparierten. Was mir die Galle hochkommen ließ, waren die Helikopter, die Flugzeuge, die morgens im Minutentakt nach Lukla und zurück flogen. Wie kann man das den Menschen dort in den Tälern nur antun. Ein unerträglicher Lärm. Es ist als hätte man seinen Kopf in eine Glocke gesteckt und das Dröhnen der Rotoren und Propeller durch ein Megafon verstärkt. Das war die Hauptflugroute. Die Route, die ich wenige Wochen zuvor mit dem Helikopter geflogen bin. Damals fand ich es mega cool. Was für ein Abenteuer mit dem Heli durch dichtes Wolkenmeer zu fliegen, tief in die Täler abzutauchen und nur wenige Meter mit den Kufen über bewaldete Bergkuppen zu gleiten. Jetzt war ich nur noch erschrocken. Die armen Bewohner.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit war das mein letzter Besuch in der Region um den Everest. Ein echter Eye-Opener. So unglaublich schön diese Region sein mag, ich sperre mich dagegen auch nur noch einmal Teil dieser Maschinerie zu werden. Wenn das der Preis ist, den man zahlen muss, um Auge in Auge mit  Everest, Lhotse, Ama Dablam  und Co. zu sehen, dann bin ich nicht bereit dafür.

Fragen über Fragen…

Womöglich denkst du jetzt ich übertreibe. So what? Mach deine eigenen Erfahrungen und lass uns gerne darüber diskutieren. Es gibt Fragen über Fragen.

  • Lag es nur an meiner Reisezeit, schließlich war Hauptsaison und das EBC geöffnet?
  • Ist es richtig aus Profitgier unzählige Menschenmassen in die Berge zu lotsen, die dann die Gegend vollscheißen? Was passiert mit dem Müll?
  • Muss das alles sein, um den Sherpa der Region Arbeit zu geben und ihr Überleben zu sichern, oder steckt mehr dahinter?
  • Wer profitiert wirklich? Der einfache Bauer durch dessen Vorgarten jetzt eine staubige Jeep-Trasse führt oder die Trekkingagenturen im In- und Ausland, die den Bergtouristen melken?

Wie gesagt, Fragen über Fragen und das betrifft jetzt nur die Trekker, nicht zu reden von den vielen Bergsteigern, die mit Sondergenehmigungen harte Währung in die „Steuerkasse“ Nepals spülen.

Ein Abgesang…

Ich hör dann mal auf. Das sollte kein Post a la „alles ist Mist“ oder „die Welt ist ja so schlecht“ werden sondern ein kleiner Denkanstoß. Wie du eventuell zwischen den Zeilen gelesen hast, ist das ein Thema, das mich nach wie vor beschäftigt und sicherlich gibt es hierbei kein plakatives Schwarz und Weiß. Aber das ist auch gut so und so freue ich mich über jeden, der seine Erfahrungen mit diesem Thema gemacht hat, ob am Mount Everest oder in anderen Wandergebieten Nepals und weltweit. Schreib es einfach in die Kommentarbox oder für die schüchternen unter euch, schickt mir eine Nachricht mittels Kontaktformular.

In diesem Sinne hoffe ich du bleibst auf deinen Wanderungen im Himalaya vom Fluglärm verschont und genießt die unverbrauchte Natur genauso, wie sie sein sollte. Namastè.

1 Antwort
  1. Eva
    Eva sagte:

    Wow, was für ein Beitrag. Wir wollen im März ins EBC, aber vielleicht überlege ich mir das nochmal. Wir waren gerade im ABC, und schon da haben mich die ständigen Helis genervt, vor allem die Leute die dann da oben ausgespuckt wurden, in Highheels ein paar Selfies geschossen haben und dann wieder runter flogen. Aber wenigstens wohnt da oben keiner, und die Dörfer werden höher überflogen. Ich kann deine Gedanken sehr gut verstehen und habe auch das Gefühl, dass hier oft im Namen der touristischen Erschließung genau die Dinge unter die Räder kommen, wegen denen die Touristen überhaupt kommen…

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