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pangani slave trade tanzaniaPangani, 50 Kilometer südlich von Tanga. Ich schaue in die Gesichter der Bewohner dieses kleinen Dörfchens und es erinnert wenig an das Urafrikanische, das ich im Herzen von Tansania sah. Die Körperformen, die Gesichtszüge, die Nasen – ein Melange aus Araber und Ostafrikaner. Bis dahin hatte ich keinen Schimmer vom grausamen, menschenverachtenden Sklavenhandel, der die ostafrikanischen Ureinwohner bis ins 20. Jahrhundert in Atem hielt. Keinen Schimmer davon, was ein Araber in Tansania verloren hatte. Keinen Schimmer, wie ausgerechnet ein kleines „unschuldiges“ Dorf an Tansanias Küste zum Mittelpunkt des Sklavenschmuggels in Ostafrika werden konnte.

Gevater Zufall schlägt zu

Als Backpacker erlebt man allerhand. Zufälle bestimmen das Leben, bestimmen das Reisen.

Genau einer dieser irrwitzigen Zufälle ließ mich im August 2016 vor dem Höhleneingang der Amboni Caves bei Tanga in ein großes Kamerateam der Universität von Dar Es Salaam rennen. Eine lustige Truppe aus Archäologen, Journalisten und Filmemachern, mit denen ich mich auf Anhieb verstand. So gut, das sie mich per Anhalter in ihren Toyota Landcruisern die 50 Kilometer von Tanga nach Pangani mitnehmen wollten. Der Rest ist Geschichte.

Es war zwei Tage vor meinem 33. Geburtstag und ich wollte eigentlich nur zu einem der abgelegenen Strände südlich von Pangani reisen und von dort aus illegal mit einem kleinen Fischerboot nach Sansibar übersetzen. Es kam anders.

Knochenjagd in Pangani: Der Geschichte auf der Spur

Die Archäologen waren keine Urlaubmacher auf Vergnügungsfahrt. Eine Ausgrabungsstelle südlich von Pangani hatte ihre geteilte Aufmerksamkeit erregt und die Einladung mich dorthin mitzunehmen, schlug ich natürlich nicht aus. Ich war noch nie bei einer archäologischen Ausgrabung dabei gewesen. Der Strand konnte warten. Wir waren auf Knochenjagd. Bones, die Knochenjäger.

Ein bedrückendes Gefühl. Ich starrte in eine 2 Meter tiefe Grube. Ein Massengrab, in dem sich die vertrockneten Knochen und Schädel von Menschen befanden. Es ist etwas anderes ein Übungs-Skelett an der Uni oder im Biologieunterricht zu sehen. Hier lagen die sterblichen Überreste von Menschen, genauso lieblos verteilt wie man sie damals in die Grube geworfen hatte. Ich konnte die Skelette von Frauen erkennen, von Männern mit gewaltsam zertrümmerten Knochen, von Kindern. Was für ein Drama hat sich hier wohl abgespielt – und vor allem wann?

Die Grabungsstätte war überfüllt mit Arbeitern und Wissenschaftlern. Ich war der einzige Ausländer. Je länger die Archäologen der Grube mit Pinsel, Bürste und Spachtel zu Leibe rückten, desto mehr Knochen kamen zum Vorschein. Der tansanische Ausgrabungsleiter hatte in Frankfurt studiert und wir tauschten zwischen den Interviews und Pinselschwüngen einige Worte in Deutsch aus.

Sklavenhandel in Ostafrika

Der Leiter der Ausgrabungsstätte erzählte mir einige schaurige Geschichten über Sklavenhandel in Ostafrika. Geschichten, aber keine Märchen!

Wusstest du, dass die Araber schon seit dem 9. Jahrhundert dick im Geschäft mit dem afrikanischen Sklavenhandel waren. Bis tief ins Landesinnere drangen sie vor, entführten Ostafrikaner, transportierten sie auf Karawanen bis zur Küste und verkauften sie in die ganze Welt. Für den Sultan ein lohnendes Geschäft, das auf dem Sklavenmarkt auf Sansibar (Stone Town) sein Zentrum hatte.

Im 19. Jahrhundert hatte der Sklavenhandel seinen traurigen Höhepunkt erreicht, als auf Druck von Großbritannien am 6. Juni 1873  Sansibars Sultan den Sklavenhandel verbot. Ein Meilenstein in der Geschichte? Nur scheinbar. Sansibar als Zentrum für den Sklavenhandel war raus, was uns wieder zu Pangani bringt.

Von Sansibar wurden schon immer Sklaven verschifft. Einige Gebäude im historischen Stadtkern, die im arabischen Stil erbaut wurden, legen dir Heute noch Kenntnis davon ab. In den folgenden Jahren nach dem Verbot des Sklavenhandels, avancierte Pangani zum neuen Zentrum für den Sklaven-Schmuggel. Vom Hafen Panganis ist es nur ein Wimpernschlag bis zur Insel Pemba, von der die Sklaven illegal bis ins 20. Jahrhundert weiter ging. Tada, Geschichtsstunde beendet.

Pangani Sightseeing Tanzania

Ausgrabungsstätte bei Pangani. Wo genau bleibt mein Geheimnis.

Die geschichtlichen Fakten hatten mich ziemlich beeindruckt, den Doktor ließ das gänzlich kalt. Er interessierte sich nicht für kahle Knochen in einer grauen Grube. Sein Puls schlug für ein dickes Stück Stoff, das um den Unterschenkel eines männlichen Skelettes geschlungen war (Schau mal bei dem Fotos genau hin!). Das einzige Stück Stoff in der gesamten Grube. Sehr ungewöhnlich und augenscheinlich noch nie bei einer Ausgrabung zuvor entdeckt. Erste Labor-Analysen der Stoffprobe in Dar es Salaam hatten ergeben, das das Material mindestens aus dem 12. Jahrhundert stammt. Er war völlig aus dem Häuschen und das gleichzeitig die Erklärung, warum sich die Professoren und Doktoren hier die Klinke in die Hand gaben. Gelebte Geschichte.

Waren es Sklaven in der Grube? Warum warf man sie lieblos übereinander? Was bedeutet dieses Stück Stoff? Ich werde es wahrscheinlich nie erfahren. Sehr wahrscheinlich ist aber, das sie Opfer von skrupellosen Sklavenhändlern wurden und mit einer der Karawanen aus dem Landesinneren zum Verschiffen nach Pangani transportiert wurden.

Viele Jahrhunderte später haben sich die Gene von Afrikanern und Arabern vermischt. Einstige Herrscher und Beherrschte, deren Geschichten sich immer noch aus den Gesichtern der heutigen Küstenbewohner Tansanias ablesen lassen.

Du möchetst etwas über die unrühmliche Akte „Sklaven in Ostafrika“ erfahren, dann verlass einfach  die ausgetrampelten Touristenrouten Sansibars und erkunde das abgelegene Pangani und dessen Vergangenheit.

Dau Segelschiff Sansibar Tansania

Ushongo Beach, abgelegen mit ursprünglichen Dörfern

Ich verbrachte noch eine Nacht mit den Wissenschaftlern in Pangani, bevor ich mich am Folgetag mit dem Motorrad nach Ushongo Beach begab. Im Beach Crab Resort relaxte ich zwei Nächte und schunkelte in einer alten Dhow (Dau), dem traditionellen Segelschiff, über den Indischen Ozean nach Kwenda (Sansibar); Genauso wie früher die Sklaven, nur das ich freiwillig dafür bezahlte.

Halt die Augen offen beim Backpacking und lass dich treiben von den Gelegenheiten, die dir das Leben entgegen wirft. So stolperst du vielleicht auch in eine Ausgrabungsstelle in Pangani 🙂 Bis dahin kannst du gern mehr in meinen Büchern über Tansania nachlesen oder du wartest bis mein neues Buchprojekt über Ostafrika 2017 im Online-Handel erscheint. Bis die Tage, dein Stefan.

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