Bhaktapur Kathmandu Patan Erdbeben Nepal

Bhaltapur Erbeben NepalBhaktapur am 25. April 2015. Mutter Natur zeigt ihre grimmige Fratze. Die Erde in Nepal bebt, Häuser stürzen ein, ganze Berghänge aus Eis und Geröll rutschen ins Tal und begraben über 8.700 Menschen unter einer tonnenschweren Last. Nur läppische 56 Sekunden, die ausreichen um das Leben in Nepal völlig zu verändern.

Fast 2 Jahre nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal mit einer Stärke von 7,8 versucht das Land immer noch zur Normalität zurückzukehren. Zwar belagern die Touristen schon kurze Zeit nach der Katastrophe wieder die Touristencentren von Pokhara und Kathmandu, aber die Einheimischen pendeln auch heute noch zwischen Leid und einer schier unzerstörbaren Hoffnung auf Leben.

Erneutes Erdbeben erschüttert Nepal

Kathmandu. Mitten in der Nacht reißt es mich aus dem Schlaf. Die metallische Konstruktion meines Doppelstockbettes erzittern und mein Körper schaukelt von links nach rechts auf der ausgelegenen Matratze. Ein kurzer Blick aufs Smartphone zeigt kurz nach 5 Uhr an. Genervt trete ich mehrmals gegen den roten Bettrahmen, um meinen anscheinend besoffenen Bettnachbarn im Hostel zu signalisieren, was ich von seinem Herumgeturne mitten in der Nacht halte. Dann bohre ich die Ohrstöpsel noch tiefer in meine Gehörgänge, drehe ich mich auf die Seite und schlafe Sekunden später wieder ein.

Beim Frühstück im Hostel Alobar1000 hatte ich die ganze Geschichte bereits vergessen, bis mich der Kellner aufgeregt fragte, ob ich das Erdbeben letzten Nacht mitbekommen habe. Erdbeben? Wo? Hier!

Anscheinend war der Brite unter mir doch nicht besoffen gewesen, und falls doch, war er nicht der Grund warum unser Doppelstockbett sich durchs Zimmer bewegte.

Nein, vielmehr war es mein erstes Erdbeben in Nepal, das 475te Nachbeben über Stärke 4 seit dem „großen“ Rütteln im April 2015. Natürlich gab es an diesem 28.11.2016 kein anderes Thema in Kathmandu. Zwar war das Epizentrum 120 Kilometer östlich von Kathmandu aber die Stärke von 5,4 auf der Richterskala trieb viele Menschen aus den Häusern.

Man hatte Angst, hat man immer noch. Die Erinnerungen an das zerstörende Beben vom April 2015, das zirka 9.000 Menschen getötet hat, sind allzeit präsent. Sie haben sich in die Augen und in die Seelen der Menschen gebrannt. Fast jeder Einheimische, den ich treffe, erzählt mir seine Geschichte. Die schicksalsträchtigen Geschichten von Freunden und Verwandten, die Haus und Hof oder gar ihr Leben verloren haben. Geschichten von Hunger, von unzureichender Wasserversorgung, von Menschen die unter freiem Himmel schlafen mussten und von einer nepalesischen Regierung, die heillos überfordert war. Eine Katastrophe epischen Ausmaßes für eines der ärmsten Länder der Welt.

Ich stand kurz vor dem Abflug nach Lukla ins Everest Gebiet, wo das Beben seinen Ausgang genommen hatte und wo die erste traurige Meldung über ein Todesopfer bis nach Kathmandu vorgedrungen war. Ein Sherpa, der mit einem Klienten nachts den Island Peak (6.189m) bestieg, wurde von einer Lawine getötet und sein Klient dabei schwer verletzt.

Bhaktapur fast 2 Jahre nach dem Erdbeben

Bhaktapur Ruinen Erdbeben Nepal

Ich bin kein ängstlicher Mensch. Aber dieses kleine Beben brachte die allgegenwärtige Gefahr, die mit dem Trekking in Nepal verbunden ist, in meinen Focus. Um ehrlich zu sein, ich war davon fasziniert. Ich wollte mehr erfahren und beschloss nach meiner Rückkehr vom Everest Bhaktapur aufzusuchen, einer der drei Königsplätze im Kathmandu-Tal, das mit am Stärksten vom Erdbeben verwüstet wurde.

Heimlich in Bhaktapur einschleichen

Bhaktapur Durbar Square Nepal Erdbeben

Nyatapola Tempel

Es war bereits Dunkel als wir uns zu fünft – vier von uns auf der Rücksitzbank – im Taxi, einem winzigen Suzuki Swift, von Kathmandu aus Bhaktapur nährten. Vorne weg fuhr ein Roller mit unserem einheimischen Gastgeber, der uns bei sich aufnehmen und illegal in die Königsstadt schmuggeln wollte. Offiziell bezahlt man 1.500 Rupien (15 USD) Eintrittsgeld in den historischen Stadtkern. Doch wie abgebrannte Backpacker nun einmal sind, versuchen sie alles um ihre chronisch durchlöcherten Portemonnaies zu schonen.

Wie das amerikanische Fort Knox ist auch Bhaktapur hermetisch abgeriegelt. In jeder Straße befindet sich ein Checkpoint, wo Polizei und Ticketkontrolleure wache stehen und jeden ankommenden Touristen zur Kasse beten.

  • Die einzige Chance sich hineinzuschleichen, ist nachts, wenn die Ticketschalter nicht besetzt sind oder aus den südöstlichen Stadtbezirken.

Unser Taxifahrer schmuggelte uns ganz frech durch das Haupttor am Bhaktapur Durbar Square und lud uns vor der Haustür des Gastgebers ab. Was für ein Service, der vom Besitzer des Secret Garden Guest House in Kathmandu organisiert wurde.

Leid und Hoffnung nach dem Erdbeben in Bhaktapur

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Mann reinigt alte Steine am Bhaktapur Durbar Square zum Aufbau eingestürzter Tempel.

Die Frau unseres Gastgebers kredenzte uns allen ein köstliches Abendessen. Es gab Dhalbat, wie sollte es auch anders sein, das Nationalgericht der Nepalesen.

Bis auf einzelne Fragmente im müden Scheinwerferlicht des Suzuki Swift hatte ich noch nicht viel von Bhaktapur gesehen und brannte darauf am nächsten Morgen den historischen Stadtkern zu erkunden.

Bhaktapur zählt zum UNESCO Kulturerbe und ist neben Kathmandu und Patan eines der drei Königsstädte im Kathmandu-Tal. Das erste was ich bei meinem Besuch am 19. Dezember 2016 von der einst blühenden Metropole Bhaktapur sah, waren Schuttberge und provisorische Unterkünfte, vor denen kleine Kinder spielen und Frauen Wäsche wuschen.

Ich war ernüchtert, fast zwei Jahre nach dem Erdbeben müssen Menschen immer noch in provisorischen Hütten leben. Was passiert hier? Wo geht die ganze Entwicklungshilfe hin? Deutschland selbst engagierte sich bereits in den 70er Jahren im ersten Bhaktapur Development-Projekt und möchte an diese Tradition auch nach dem Erdbeben 2015 wieder anknüpfen. Allerdings richtet sich die Unterstützung  größtenteils auf wichtige Kulturstätten wie dem Museum für Holzschnitzkunst (Pujari Math), der Nationalen Kunstgalerie und wertvollen Tempelanlagen.

Dabei geht es doch hier nicht nur um Kultur. Nicht nur um die Bewahrung von Bauten. Hier geht es ganz real um Menschenleben im Hier und Jetzt. Einzelschicksale in Bhaktapur, stellvertretend für ein ganzes Land. Stellvertretend für die abgelegenen Regionen wo kein betagter Touri hinkommt.

Erdbeben Nepal Bhaktapur

Taumadhi Square

Wenn man Ende Dezember 2016 durch das Stadtzentrum von Bhaktapur läuft, taumelt man unweigerlich zwischen zwei Gefühlswelten. Faszination und Erschrecken greifen Hand in Hand.

Neben der unverwechselbaren Architektur der uralten Bauten mit seinen unvorstellbar detailverliebten, bunten Holzschnitzereien prangen mächtige Risse in den Mauern. Die Wände der Tempelanlagen und die kunstvoll mit Tonziegeln belegten Dächer, sind mit meterlangen und unterarmdicken Holzstützen abgestützt. Es herrschst Einsturzgefahr. Zwischen den Schuttbergen sitzen alte Männer und klopfen Kalkreste von Steinen, um die eingestürzten Tempelbauten aufzubauen. In der Katastrophe liegt auch in Nepal ein Neuanfang; gibt es Jobs für die Einheimischen beim Wiederaufbau und in der Restauration.

Von den Straßen des Stadtkerns ist schon lange der gröbste Schutt entfernt wurden. Dem Shoppingerlebnis der Touristen auf dem Bhaktapur Durbar Square steht nichts mehr im Weg. Die Cafè’s und Hotels haben wieder geöffnet und die Boutiquen locken in Dezember mit „unschlagbar“ günstigen Angeboten in der Nebensaison.

Doch wenn du dich etwas aus dem Stadtkern herauswagst und durch die engen und verzweigten Gassen Bhaktapurs stromerst, siehst du die Zerstörung der Wohnviertel. Vieles ist zerstört und das Geld fehlt zum Wiederaufbau. Der Aufbau der Tempel wird Jahrzehnte dauern, der Aufbau der Wohnungen kann und darf nicht solange auf sich warten lassen. Also prangen heute leere Lücken zwischen den Häuserreihen und Frauen sitzen in Querstraßen, waschen alte rote Brandziegel aus eingestürzten Häusern für neue.

Erdbeben Bhaktapur Kathmandu Sehenswürdigkeiten

Das Leben geht weiter.

Wer jetzt denkt die Bewohner Bhaktapurs würden mit desillusionierten Gesichtern und leidvoll gebeugten Rücken durch die Straßen laufen, der irrt. Optimismus statt Pessimismus. Bhaktapur rückt näher zusammen und Familien haben ihre obdachlosgewordenen Verwandten bei sich aufgenommen.

Ich habe viele Nepalesen in meiner Zeit in Nepal getroffen, nicht nur aus Bhaktapur oder Kathmandu, auch aus den ländlichen, bitterarmen Bergregionen. Vielleicht ist es die buddhistische Religion, aber trotz der Entbehrungen und Schicksalsschläge haben sie immer ein freundliches Wort auf den Lippen. „Die Natur kannst du nicht ändern. Mach dich selbst nicht größer als du bist und akzeptiere die Macht der Natur und das große Ganze dahinter.“ , sagen sie und bauen ihre Häuser mit etwas mehr Stahl in den Stützpfeilern wieder auf. Einzig von der Regierung sind viele enttäuscht: „Wo ist das ganze Spendengeld aus China und dem Westen geblieben? Warum wird das Geld fast 2 Jahre nach der Erdbebenkatastrophe nicht endlich verteilt?“  Fragen auf die ich ihnen keine Antworten geben konnte.

Du kannst mir sicherlich vorwerfen, dass es Heuchlerisch ist, sich einerseits über die Zustände in Bhaktapur zu beschweren und andererseits in die Stadt zu schleichen und 15 Dollar Eintritt zu sparen. Doch in welchen Topf landet das Geld letztendlich? Ich weiß es nicht. Es verbrennt in der Anonymität des Staates. Was ich aber weiß ist, dass wenn ich das Geld für Unterkunft und Essen meinem illegalen Gastgeber in die vollmilchfarbende Hand drücke, kommt es dort an, wo er es benötigt.

Bhaktapur, ein Resümee

hindu temple bhaktapur nepal1934 und 2015. Es ist nicht das erste verheerende Erbeben, das Nepal heimgesucht hat und es wird auch nicht das letzte gewesen sein. Aber wie in der Vergangenheit wird auch dieses Mal das nepalesische Volk mit dieser großen Herausforderung zurecht kommen. Auch wenn die einfachen Menschen nicht mit viel Unterstützung von ihrer Regierung rechnen können und ein Großteil der Spendengelder in Korruption und Unfähigkeit zur Organisation versanden, ist der Glaube an eine bessere Zukunft und die Lebensfreude in den Gesichtern der Betroffenen das größte Gut dieses Landes.

Die großen Tempelanlagen werden genau wie 1934 wieder aufgebaut werden. Ein magnetisierendes Stück Kultur (insbesondere für den zahlenden Tourismus) wird der Menschheit zurückgegeben werden. Es bleibt nur zu hoffen, dass Bhaktapur auch wieder lebenswert wird für all seine Bewohner.

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3 Kommentare
      • Maria Heinzlmann
        Maria Heinzlmann sagte:

        Dear Stefan. Thanks for your wishes.Our winter clinic project will end already mid february. It is a pitty I will not be around in Kathmandu in april anymore. For sure I wish you also a great time in nepal in april. Hi from maria

         
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